Bilanz des Forschungsseminars über den Zeitraum 2003-2018

von Georg Quaas

Vorbild des 2003 an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig gegründeten Forschungsseminars "Politik und Wirtschaft" waren das "Correlates of War-Project" der University of Michigan und der "Wiener Kreis" (1926-1936). Während beide Projekte weltweite Berühmtheit erlangten, hat es das FS "P&W" kaum bis zur nationalen Bekanntheit geschafft - so wie wahrscheinlich viele andere 0815-Forschungsseminare, die sich inzwischen zuhauf auf dem Internet tummeln. Für andere, die mit einer solchen Organisationsform liebäugeln, mag eine Analyse der (Miss-) Erfolgsbedingungen interessant erscheinen. Zunächst die Kriterien, die für einen Vergleich zwischen den drei Projekten herangezogen werden können.

1. Institutionelle Verankerung. Mindestens ein oder zwei Mitglieder agieren auf der Ebene der Hochschullehrer, um durch ihre Rechte den Zugang zu den Ressourcen (Räumlichkeiten, Bibliotheken, Publikationsmöglichkeiten, etc.) zu sichern.
2. Qualifizierungsmöglichkeiten. Die Hochschullehrer des Projekts verfügen über einen Status, die Karriere anderer Mitglieder zu fördern (z. B. durch Promotionen).
3. Karrieremöglichkeiten. Die Hochschullehrer des Projekts verfügen über die Mittel, einzelne Mitglieder anzustellen oder anstellen zu lassen.
4. Gesellschaftliche Verankerung. Das Projekt ist thematisch in einer nicht-akademischen Bewegung verankert und entsprechend vernetzt.
5. Aktivitätsniveau. Die Mitglieder des Projekts haben neben eigenen beruflichen Interessen ein intensives Interesse an dem Rahmenthema, das sie selbständig durch eigene Beiträge bereichern.
6. Bedeutung des Rahmenthemas. Das Thema des Projekts ist zukunftsweisend oder/und von allgemeinem oder wichtigem Interesse.
7. Wissenschaftliches Niveau. Einzelne Mitglieder erbringen wissenschaftlich herausragende Leistungen, die international Beachtung finden.
8. Nachhaltigkeit. Die nationale oder internationale Beachtung ist nachhaltig, das heißt, es gibt Nachahmer, die eine ähnliche Thematik bearbeiten.
9. Kollegiales Umfeld. Das Projekt wird im institutionellen Umfeld nicht nur geduldet, sondern gefördert (kollegiale Anerkennung, Unterstützungsleistungen etc.).

Referenz-Projekte:		CoW 	WK 	P&W
Institutionelle Verankerung	ja	ja	ja
Qualifizierungsmöglichkeiten	ja	ja	ja
Karrieremöglichkeiten		ja	ja	nein
Gesellschaftliche Verankerung	ja	ja	nein
Aktivitätsniveau		hoch	hoch	mäßig
Bedeutung des Rahmenthemas	ja	ja	nein
Wissenschaftliches Niveau	ja	ja	ja
Nachhaltigkeit			ja	ja	nein
Kollegiales Umfeld		nein	nein	nein

Hinzu treten Fehler, die von der Projektleitung gemacht wurden. Im Fall des Wiener Kreises könnte man es als einen Fehler ansehen, dass Karl Popper niemals in den engeren Kreis eingeladen worden ist. Doch wichtiger ist, die eigenen Fehler zu benennen. Demnach war es ein Fehler, den Mitgliedern des Forschungsseminars P&W nicht klar genug und von Anfang an zu vermitteln, dass es sich forschungspraktisch in die Initiative des Paderborner Erwägungsprojekts einordnet. Durch diesen Fehler war es möglich, dass sich ein meinungsstarkes, aber intellektuell nicht sehr fähiges Mitglied vom Forschungsseminar und von seinen akademischen Förderern feindselig abwenden konnte (eigensinnig darauf beharrend, dass das FS niemals etwas mit dem Erwägungskonzept zu tun hatte). Ein weiterer Fehler bestand darin, dass die Mitglieder erst nach Jahren dazu aufgefordert wurden, ihre eigene Publikationstätigkeit voranzubringen. Ein Fehler war des Weiteren, das Thema des Forschungsseminars aus pragmatischen Gründen weitgehend offen zu lassen, um die Mitarbeit von Vertretern der Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Informatik, Mathematik und Mikroökonomik zu ermöglichen. Damit war aber klar, dass sich das FS vor allem durch die Gegnerschaft zum Mainstream definierte. Im Laufe der Jahre schien das den aufstrebenden Mitgliedern nicht sehr karriereförderlich zu sein. Eine gewisse Änderung ergab sich in den letzten Jahren durch die Fokussierung auf die Arbeitswerttheorie, die intensiver hätte ausgebaut werden können. Schließlich sorgten weltanschauliche und erfahrungsbedingte Differenzen zur 2015 einsetzenden politischen Entwicklung Deutschlands, deren Konsequenzen inzwischen deutlich sichtbar geworden sind, für ein nachlassendes Interesse an der gemeinsamen Arbeit. Man könnte sagen, dass das FS ähnlich wie der Wiener Kreis an den politischen Rahmenbedingungen zugrunde ging - allerdings ohne Mord und Totschlag und ohne bedeutende Akademiker hervorzubringen. Erwähnenswert ist ausserdem, dass sich das FS so wie der WK und das CoW-Project in einem kollegialen Umfeld bewähren musste, dass konkurrierende Interessen vertrat.

Handfeste Resultate waren und sind: Eine über ein Jahrzehnt währende gemeinsame, äusserst interessante und z. T. auch protokollierte Diskussion zu den verschiedensten Themen der Volkswirtschaft, unter anderem mit den Gästen Hartmut Elsenhans (Politikwissenschaft), Fritz Helmedag (Professor für Mikroökonomie) und Hans-Gert Gräbe (Informatik), 4 Dissertationen, 3 gemeinsam erarbeitete Bücher, zahlreiche Artikel in der Zeitschrift "Ethik und Sozialwissenschaften" (später: "Erwägen, Wissen, Ethik"), im "Wirtschaftsdienst", auf der inzwischen nicht mehr existenten "Ökonomenstimme" sowie verschiedene Monografien einzelner Mitglieder (siehe Webseite). Nicht zu vergessen, die produktive Verbindung vor allem der leitenden Personen zum Paderborner Projekt der Erwägungskultur und den damit zusammenhängenden Diskussionen. Leider ist dieses Projekt ebenfalls aus uns unbekannten Gründen beendet worden.

Die Liste der z. T. nur zeitweisen Mitglieder des Forschungsseminars umfasst 44 Personen. Wie tief die politischen und möglicherweise auch fachlichen Differenzen am Ende der Sitzungstätigkeit waren, kann man daran erkennen, dass drei Ehemalige es vorziehen, frühere Publikationen in ihrer Vita nicht zu nennen. Drei Personen haben einen längerfristigen Kontakt zu den leitenden Hochschullehrern auch nach Einstellung der Sitzungstätigkeit aufrechterhalten, der aber nur in einem Fall zu einem produktiven Ergebnis führte.

Leipzig, den 10. September 2026