Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Deutschland-Prognose vom 25. Mai 2018

Der Gesamteindruck der Prognose besteht darin, dass die deutsche Volkswirtschaft den Höhepunkt im aktuellen Konjunkturzyklus überschritten hat. Das ist in der vorletzten Vorhersage vom November 2017 bereits so vermutet worden. Jetzt bestätigt sich auch, dass es sich um eine "Wachstumsdelle" handelt, die bald wieder überwunden ist. Eine "Wachstumsdelle" liegt vor, wenn die Prognosekurve die Form des Buchstabens M annimmt. (Siehe dazu die Option: "Aktuelle Position im konjunkturellen Verlauf".) Die Annahme, dass das Wachstum nach 2019 wieder anzieht, stützt sich vor allem auf die IMF-Projektion eines zunehmenden Welthandels - zugegeben eine ziemlich problematische Prämisse.

Das am 1. März prognostizierte leichte Nachlassen der wirtschaftlichen Tätigkeit wird durch die inzwischen vorliegenden Daten bestätigt: das Wachstum in 2018Q1 ist geringer als in 2017Q1.

Die hier vorgelegte Prognose steht im Widerspruch zur Prognose der "Gemeinschaftsdiagnose", aber auch zu der des IMF, wonach ein Nachlassen des Wachstums erst für 2019 vorhergesagt wird.

Bezogen auf das ganze Jahr 2018 ergibt sich aufgrund der neuen Daten eine Wachstumsrate von 1,9 Prozent. Das liegt bedeutend unter den Prognosen anderer. Die Ursache ist vor allem darin zu sehen, dass die magere Zunahme des nominalen Konsums von 2,8 Prozent durch die Inflationsrate von 0,9 Prozent weitgehend "aufgefressen" wird. Die Bruttoinvestitionen wachsen sehr verhalten, vor allem, weil die Bautätigkeit sich bereits auf einem hohen Niveau befindet und nur wenig wächst. Auch hier spielt die Preisentwicklung eine wichtige Rolle. Dass der Staat nicht bereit ist, die wenigen Milliarden locker zu machen, die aus heutiger Sicht bei den Bruttoanlageinvestitionen fehlen werden, um das Wachstum zu verstetigen, belegt der kürzlich vorgelegte Haushalt der Bundesregierung. Momentan dümpeln die Investitionen des Staates so vor sich hin, obwohl dringend höhere in die Infrastruktur erforderlich wären. Der finanzielle Spielraum dafür wäre gegeben.

Die Einzelheiten können der Tabelle "Beobachtete und prognostizierte Werte" entnommen werden.

Noch ein Wort zu den Staatsfinanzen: Die Defizitquote des Staates wird im Prognosezeitraum weiter negativ bleiben, das heißt, der Staat schöpft weiter Überschüsse ab. 2018 ist ein unglaubliches Plus von 69 Mrd. Euro und - wenn sich die Ausgaben- und Einnahmenpolitik nicht ändert - darf man 2019 nochmals einen Überschuss in derselben Dimension erwarten. Zur Erinnerung: Diese Zahl fasst alle öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung) zusammen. Allerdings werde ich sie zum Anlass nehmen, den Staatsteil des Modells in den nächsten Wochen eingehend zu überprüfen, da mir die Zahlen zu hoch erscheinen.

Die Rahmenbedingungen: Eine wesentliche Determinante für eine Deutschland-Prognose ist die Entwicklung des Welthandelsvolumens. Der Economic Outlook des IMF vom April 2018 prognostiziert für das laufende Jahr 2018 ein Wachstum des Welthandels um 5,1 Prozent und für 2019 werden 4,7 Prozent vorhergesagt. Das sind einige Zehntel mehr als im Februar vorhergesagt.

Aktuell wird unterstellt, dass sich der Ölpreis bei etwa US-$ 60 bewegt. Das entspricht in etwa der offiziellen Prognose des IMF.

Nach wie vor muss an die Unsicherheit auf den Wertpapier- und Geldmärkten erinnert werden, die eine Tendenz zur Stagnation und zur Volatilität zeigen. Politik und Wirtschaft befinden sich weltweit im Umbruch. Die Politik experimentiert mit verschiedenen Rezepten, um auf den Bedeutungsverlust der Industrieproduktion zu reagieren. Europa kämpft immer noch mit der Verschuldungskrise Griechenlands. Flüchtlingsströme durchdringen weiterhin die nur provisorisch geschützten Außengrenzen Europas. Die Mitglieder der NATO sehen sich gezwungen, die vertraglich vereinbarten Verteidigungsausgaben entweder zu tragen oder sich um ihre Sicherheit selber zu kümmern. Dass diese zentrale Staatsaufgabe jahrelang vernachlässigt worden ist, zeigt aktuell der marode Zustand der deutschen Armee. Wie überhaupt die Sicherheitspolitik von den letzten Regierungen nicht besonders ernst genommen worden ist (siehe Cyber-Kriminalität und die Divergenzen in Europa). Der BREXIT steht bevor und die Handelpolitik der Europäischen Union gerät unter Beschuss. Sollte sich in dieser Situation die geopolitische Lage drastisch ändern oder/und die Börse nochmals und etwas stärker als im Februar 2018 einbrechen, sind die von einem ökonometrischen Modell gezeichneten Aussichten weiter nach unten zu korrigieren: Sie zeichnen nur die in den Daten enthaltenen Tendenzen nach und projizieren sie in die Zukunft.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Bedingt durch die Flüchtlingskrise sind die demograhischen Daten schwer bis gar nicht zu prognostizieren. Da das Modell ohne Zahlen aber auch nicht arbeitet, wurde eine jährliche Nettozuwanderung von 60.000 unterstellt, was sicherlich zu gering veranschlagt ist.

Die aktuelle Datenlieferung des Statistischen Bundesamtes zeigt Differenzen für das ganze Jahr 2017. Davon sind fast alle Variablen - mehr oder weniger - betroffen. Das Modell musste hinsichtlich einer besseren Prognose der Arbeitslosenzahlen verändert werden.

Kritik der Februar-Prognose Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Demnach lag der maximale Prognosefehler bei 7 (!) Prozent, diesmal die Zahl der Arbeitslosen betreffend. Die Ursache für diese Abweichung von der Realität ist jedoch nicht nur in der Gleichung für die Arbeitslosenzahl zu suchen, sondern in der etwas übertriebenen Projektion einer momentanen Wachstumsschwäche auf die Zukunft.

Ein umfassenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anlässe für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von ca. 10 Jahren (die erste Version lief am 2.3.2007) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozent liegt, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, dass mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht worden wäre. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 25. Mai 2018


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