Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Prognose vom 26. Mai 2022

Gesamteindruck: Die Projektion der bisherigen Entwicklung in die nahe Zukunft zeigt: Die deutsche Wirtschaft verharrt auf den Pfad niedrigen Wachstms knapp über 2 Prozent. Mit Ausnahme des Außenbeitrages legen alle Hauptaggregate des BIP zu. M.a.W.: Die Importabhängigkeit nimmt erheblich zu. Die Inflation steigt 2022 über 3 Prozent, um 2023 wieder unter diese Marke zu sinken - verursacht durch die rückläufige Konsumnachfrage, die ihrerseits eine Wirkung des plötzlichen Priesanstiegs seit dem Sommer 2021 ist.

Von der epidemiologischen Krise und den kriegsbedingten Lasten betroffen sind klarerweise die Staatsfinanzen, wobei das Niveau der übermäßigen Ausgaben (Finanzierungssaldo) 2022 im Vergleich zu 2021 fast nur noch die Hälfte beträgt. Die Defizitquote des Staates wird sich 2023 wieder erhöhen, und zwar auf 2,4 Prozent.

Die Rahmenbedingungen: Das Modell unterstellt im Prognosezeitraum einen fallenden Dollarwert des Euro auf etwa 1,10 US-$. Der langfristige Zinssatz steigt über die Null-Prozent-Marke bis auf 0,5 Prozent, während der Kurzfristzinssatz im negativen Bereich verbleibt (um -0,5 Prozent). Die Geldmenge M1 wächst etwa genauso schnell wie bisher und steuert gegen Ende 2023 die 14 Billionen Euro an. Aktuell wird davon ausgegangen, dass der Ölpreis über 100 US-$ vrrbleibt. Es wird unterstellt, daß der DAX vorerst keinen größeren schockartigen Einbruch erleidet.

Die Unsicherheit einer Prognose inmitten einer Pandemie und bei einem heißen Krieg in Europa ist kaum abzuschätzen. Besonders problematisch ist die Vorhersage der Arbeitslosenzahlen. Unterschiedlich spezifizierte Verhaltensgleichungen, die aber gleich gut zu den bisherigen Daten passen, haben für die Zukunft widersprüchliche Verläufe produziert. Hier ist der Durchschnitt der Projektionen angegeben worden: leicht ansteigende Arbeitslosenzahlen ist das Resultat.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Die Daten wurden von StBA nur geringfügig für das Jahr 2021 revidiert. Die demographischen Daten stellen nach wie vor einen Unsicherheitsfaktor dar, werden aber voraussichtlich weiter durch die Zuwanderung aus der Ukaine steigen. Das könnte mittelfristig den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften beseitigen.

Kritik der Februar-Prognose: Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Mit Ausnahme des Staatskonsums war die letzte Prognose für alle Hauptaggregate des Bruttoinlandsprodukts zu pessimistisch.

Ein umfaßenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anläße für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von mehr als 15 Jahren (die erste Prognose wurde am 2.3.2007 veröffentlicht) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die in ruhigeren Zeiten zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozentpunkt lagen, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, daß mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht werden könnte. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, daß die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 26. Mai 2022


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