Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Deutschland-Prognose vom 28. November 2018

Der Gesamteindruck der Prognose besteht darin, dass die deutsche Volkswirtschaft auf Talfahrt ist. Es handelt sich nicht nur um eine "Wachstumsdelle", sondern um einen echten Abschwung, der seinen Tiefpunkt Mitte 2019 haben wird (siehe dazu die Option: "Aktuelle Position im konjunkturellen Verlauf"). "Abschwung" heißt aber nicht, dass die jährlichen Wachstumsraten die Null-Prozent-Marke unterschreiten werden; die Wirtschaft wächst weiter, wenn auch nur mit knapp einem Prozent. Die Erwartung, dass das Wachstum ab Mitte 2019 wieder zunimmt, basiert vor allem auf der IMF-Projektion eines zunehmenden Welthandels.

Die hier vorgelegte Prognose steht im Widerspruch zur Prognose der "Gemeinschaftsdiagnose", aber auch zu der des IMF vom Oct. 2018, wonach die Wachstumsrate 2019 nicht weiter fallen wird.

Die Ursache für das Nachlassen des Wachstums in den Jahren 2018 und 2019 ist vor allem in der mageren Zunahme des nominalen Konsums um 2,8 bzw. 2,7 Prozent zu sehen, die durch die Inflationsrate von 1,4 und 1,3 Prozent weitgehend "aufgefressen" wird. Die Bruttoinvestitionen nehmen 2018 sehr verhalten zu, vor allem, weil sich die Bautätigkeit bereits auf einem hohen Niveau befindet und nur wenig zulegen kann. Zusätzlich spielt hier die Preisentwicklung eine wichtige Rolle. Im kommenden Jahr könnte die Bautätigkeit sogar um 2,5 Prozent schrumpfen. Dass der Staat nicht bereit ist, die wenigen Milliarden locker zu machen, die aus heutiger Sicht bei den Bruttoanlageinvestitionen fehlen werden, um das Wachstum zu verstetigen, belegt der kürzlich vorgelegte Haushalt der Bundesregierung. Entgegen der Aussagen des Finanzministers nehmen die Investitionen des Staates real ab. Jeder weiß, dass dringend Erhaltungsinvestitionen in die Infrastruktur erforderlich wären. Der finanzielle Spielraum dafür wäre gegeben.

Die Einzelheiten können der Tabelle "Beobachtete und prognostizierte Werte" entnommen werden.

Noch ein Wort zu den Staatsfinanzen: Die Defizitquote des Staates wird im Prognosezeitraum weiter negativ bleiben, das heißt, der Staat schöpft weiter Überschüsse ab. 2018 ist ein unglaubliches Plus von 68 Mrd. Euro zu erwarten und - wenn sich die Ausgaben- und Einnahmenpolitik nicht ändert - darf sich der Staat 2019 nochmals auf einen Überschuss in Höhe von 38 Mrd. Euro freuen. Diese Zahl fasst wohlgemerkt alle öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung) zusammen.

Die Rahmenbedingungen: Eine wesentliche Determinante für eine Deutschland-Prognose ist die Entwicklung des Welthandelsvolumens. Der Economic Outlook des IMF vom Oktober 2018 prognostiziert für das laufende Jahr 2018 ein Wachstum des Welthandels von 4,2 Prozent, und für 2019 werden 4,0 Prozent vorhergesagt. Das ist ein halber Prozentpunkt weniger als bei der letzten Projektion.

Das Modell unterstellt einen Dollarwert des Euro leicht unter 1,20. Die kurz- und langfristigen Zinssätze schwanken innerhalb der Fehlertoleranzen um null Prozent. Die Geldmenge M1 wächst weiter, wenn auch langsamer als bisher.

Aktuell wird unterstellt, dass sich der Ölpreis bei etwa US-$ 70 bewegt. Das entspricht in etwa der offiziellen Prognose des IMF.

Nach wie vor muss an die Unsicherheit auf den Wertpapier- und Geldmärkten erinnert werden, die eine Tendenz zur Stagnation und zur Volatilität zeigen. Politik und Wirtschaft befinden sich weltweit im Umbruch. Die Politik experimentiert mit verschiedenen Rezepten, um auf den Bedeutungsverlust der Industrieproduktion zu reagieren. Europa kämpft immer noch mit der Verschuldungskrise Griechenlands und neuerdings damit, eine solche im Fall Italiens zu verhindern. Flüchtlingsströme durchdringen weiterhin die nur provisorisch geschützten Außengrenzen Europas. Die Mitglieder der NATO sehen sich gezwungen, die vertraglich vereinbarten Verteidigungsausgaben entweder zu tragen oder sich um ihre Sicherheit selber zu kümmern. Dass diese zentrale Staatsaufgabe jahrelang vernachlässigt worden ist, zeigt aktuell der marode Zustand der deutschen Armee. Wie überhaupt die Sicherheitspolitik von den letzten Regierungen nicht besonders ernst genommen worden ist (siehe Cyber-Kriminalität; die Divergenzen zwischen den Staaten in Europa; das sich unter den Bürgern und Bürgerinnen verbreitende Gefühl der Unsicherheit). Ein harter BREXIT ist beileibe nicht vom Tisch und die Handelspolitik der Europäischen Union gerät unter Beschuss. Zwischen den USA und China ist ein Handelskrieg ausgebrochen. Zwischen Russland und der Ukraine droht ein heißer Krieg. Sollte sich die geopolitische Lage weiter drastisch ändern oder/und die Börse nochmals und diesmal etwas stärker als im Februar 2018 einbrechen, sind die von einem ökonometrischen Modell gezeichneten Aussichten weiter nach unten zu korrigieren: Sie zeichnen nur die in den Daten enthaltenen Tendenzen nach und projizieren sie in die Zukunft.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Bedingt durch die Flüchtlingskrise sind die demographischen Daten schwer bis gar nicht zu prognostizieren. Da das Modell ohne Zahlen aber auch nicht arbeitet, wurde eine jährliche Nettozuwanderung von 60.000 unterstellt, was sicherlich zu gering veranschlagt ist.

Die aktuelle Datenlieferung des Statistischen Bundesamtes zeigt revisionsbedingte Differenzen für die ersten beiden Quartale 2018. Davon sind fast alle Variablen - mehr oder weniger - betroffen. Die Gleichung für die gewerblichen Bau- und Ausrüstungsinvestitionen wurde durch eine früher bereits verwendete ersetzt, um die beträchtlichen quartalsmäßigen Abweichungen in den Griff zu bekommen. Die hier veröffentlichten Werte waren sozusagen das Maximum, das den Daten abgrungen werden konnte.

Kritik der August-Prognose Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Demnach lag der maximale Prognosefehler bei 6,4 Prozent - wie so oft die Investitionen betreffend. Diese wurden um 10,9 Mrd. Euro zu gering prognostiziert. Das war der Anlass, um in diesem Punkt ins Modell einzugreifen.

Ein umfassenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anlässe für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von ca. 10 Jahren (die erste Version lief am 2.3.2007) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozent liegt, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, dass mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht worden wäre. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 28. November 2018


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