Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Deutschland-Prognose vom 27. Mai 2020

Inzwischen hat der IMF die Wirkung der Pandemie bei seinen Projektionen berücksichtigt. Die Daten über die Entwicklung des Welthandels stammen vom April. Demnach sinkt der Welthandel 2020 um 11 Prozent und erholt sich 2021 um 8,4 Prozent. Das IMF prognostiziert für Deutschland ein BIP-Wachstum von -7,0 Prozent (2020) und +5,2 Prozent (2021). Auf dem Hintergrund der hier berechneten Zahlen erscheint das etwas zu pessimistisch, was es aber nicht sein muss. Der Gesamteindruck der aktuellen Prognose für die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft besteht darin, dass sie wie schon in der Krise 2008-2009 der Entwicklung des Welthandels folgt. Aber der Welthandel ist nur eine Determinante. Andere, die Krise verstärkenden Momente erscheinen erst ansatzweise in den Daten. Insbesondere schlagen sich in den berichteten Einnahmen und Ausgaben des Staates im 1. Quartal noch keine Spuren der Epidemie nieder.

In 2020 ist mit einem "Wachstum" des realen BIP von -2,8 Prozent bei einer BIP-Inflationsrate von +1,3 Prozent zu rechnen. Im kommenden Jahr wächst die Wirtschaft mit +1,2 Prozent und einer BIP-Inflation von +1,1 Prozent. Als Stabilisatoren erweisen sich die Bauwirtschaft und der Staatskonsum. Am stärksten bricht der Aussenbeitrag ein (-40,3 Prozent), aber er erholt sich 2021 weitgehend (+30 Prozent).

Am unsichersten ist die Prognose der Staatsfinanzen: Zwar rutscht der Finanzierungssaldo des Staates im Prognosezeitraum ins Negative, aber das wird sich noch drastisch verstärken, wenn sich die Krise in den Buchungen der Staatskonten niederschlägt.

Die Rahmenbedingungen:

Das Modell unterstellt einen gefallenen Dollarwert des Euro, der aber mit der Entfaltung der Pandemie in den USA wieder auf 1,15 US-$ je Euro steigt. Die kurz- und langfristigen Zinssätze sinken momentan noch, haben aber die Tendenz zum Steigen, wenn auch nur bis 0 Prozent im Fall des 3-Monate-Zinssatzes. Die Geldmenge M1 wächst etwa genauso schell wie bisher. Aktuell wird unterstellt, dass sich der Ölpreis etwas erholt und sich um die US-$ 30 bewegt. Das entspricht in etwa der offiziellen Prognose des IMF. Es wird unterstellt, dass der DAX keinen weiteren schockartigen Einbruch erleidet.

Die Unsicherheit einer Prognose inmitten einer Epidemie ist kaum abzuschätzen. Neben den bislang auf dieser Webseite erwähnten Faktoren müßten zahlreiche weitere aufgezählt werden. Dadurch würde sich die Prognose aber nicht verbessern. Simuliert wurde auch ein ungebremster Absturz des Welthandels. Er würde 2020 in Deutschland zu einem BIP-Wachstum von -8,0 bis -10 Prozent führen. Negative Entwicklungen im Innern, die zu einer Verstärkung gesundheitspolitischer Maßnahmen führen, sind bei dieser Simulation nicht berücksichtigt worden.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Bedingt durch die Flüchtlingskrise sind die demographischen Daten schwer bis gar nicht zu prognostizieren.

Das Modell erbeitet mit Zahlen, die vierteljährlich vom Statistischen Bundesamt geliefert werden. Die hier zugrunde liegenden Daten sind das Ergebnis einer großen Revision mit Rückrechnung bis 1991, deren Werte für 2019 nochmals leicht nach-revidiert wurden. Ein tiefgreifender Eingriff in das Modell - abgesehen von der routinemäßen Neuschätzung der Gleichungen im um ein Quartal verschobenen Stützbereich - war nicht erforderlich.

Kritik der Februar-Prognose Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Die Abweichungen sind Corona bedingt etwas größer als sonst. Daraus ziehe ich keine Konsequenzen für eine Korrektur des Modells.

Ein umfassenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anlässe für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von ca. 13 Jahren (die erste Version lief am 2.3.2007) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozentpunkt liegen, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, dass mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht worden wäre. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 27. Mai 2020


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