Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Deutschland-Prognose vom 01. März 2018

Der Gesamteindruck der Prognose besteht darin, dass die deutsche Volkswirtschaft den Höhepunkt im aktuellen Konjunkturzyklus überschritten hat. In der letzten Vorhersage vom November 2017 ist das bereits vermutet worden. Es könnte sich selbstverständlich auch um eine "Wachstumsdelle" handeln, die bald wieder überwunden ist. Ein leichtes Nachlassen der wirtschaftlichen Tätigkeit wird auf jeden Fall für das laufende Jahr vorhergesehen. Das steht im Widerspruch zur Prognose der "Gemeinschaftsdiagnose", aber auch zu der des IMF, wonach ein Nachlassen des Wachstums erst für 2019 vorhergesagt wird.

Bezogen auf das ganze Jahr 2018 ergibt sich eine Wachstumsrate von 1,2 Prozent. Das liegt bedeutend unter den Prognosen anderer. Die Ursache ist vor allem darin zu sehen, dass die magere Zunahme des nominalen Konsums von 2,4 Prozent durch die Inflationsrate von 1,3 Prozent weitgehend "aufgefressen" wird. Die Bruttoinvestitionen schrumpfen, weil die Bautätigkeit zurückgeht. Auch hier spielt die Preisentwicklung eine wichtige Rolle. Die weitere Entwicklung hängt u.a. davon ab, ob der Staat die wenigen Milliarden locker macht, die aus heutiger Sicht bei den Bruttoanlageinvestitionen fehlen werden, um das Wachstum zu verstetigen. Momentan dümpelt die Investitionen des Staates so vor sich hin, obwohl dringend höhere in die Infrastruktur erforderlich wären. Der finanzielle Spielraum dafür wäre gegeben.

Im Einzelnen:

Das reale Bruttoinlandsprodukt steigt im laufenden Jahr 2018 real um 1,2 Prozent, und im kommenden Jahr um 1,6 Prozent. Das Potenzialwachstum des BIP wird in 2018 und 2019 bei 1,2 Prozent liegen.

Der Konsum der privaten Haushalte nimmt 2018 real um 1,1 Prozent zu. Hierbei möge man bedenken, dass es sich um einen Vorjahresvergleich handelt. Die geringe Zunahme ist auch ein Resultat der Tatsache, dass der Konsum in den letzten drei Jahren durch den verstärkten Zuzug gestützt worden ist - finanziert durch einen außergewöhnlichen Anstieg der monetären Sozialausgaben. Ein solcher Verlauf wird sich 2018 vermutlich nicht in dem Maße wiederholen, so daß der Konsum der privaten Haushalte in ein gemäßigtes Fahrwasser zurückfällt. 2019 wird das reale Niveau voraussichtlich wieder um 1,6 Prozent höher liegen.

Die Bruttoanlageinvestitionen nehmen 2018 um -0,4 Prozent ab, vor allem durch den Rückgang der Bauinvestitionen bedingt, die eine negatives Wachstum von - 2,5 Prozent erwarten lassen.

Die Exporte steigen um 3,4 (2018) und 3,1 (2019) Prozent, die Importe wachsen um 3,6 (2018) und 3,1 (2019) Prozent, so dass der Außenbeitrag 2018 um 2,5 Prozent anwächst, 2019 um 2,9 Prozent. Damit wird der magere Zuwachs des Konsums zum Teil ausgeglichen - die Export-Push-Hypothese bewährt sich.

Der Preisindex des privaten Konsums sinkt 2018 voraussichtlich auf 1,3 Prozent, hat also seinen Höhepunkt von 2017 (1,7 Prozent) überschritten; er bleibt 2019 fast auf derselben Höhe - bei 1,2 Prozent.

Wie die aktuelle und die prognostizierte Phillipskurve deutlich machen, wird die durchschnittliche Steigerungsrate der Tariflöhne des produzierenden Gewerbes zwischen 2,8 und 3,4 Prozent liegen - bei zunächst noch fallender Arbeitslosigkeit. Allerdings sieht die Phillipskurve diesmal ganz und gar nicht typisch aus.

Die Beschäftigung wird weiter ansteigen, in 2018 um 1,1 Prozent und in 2019 um 1,2 Prozent. Bislang nahmen die Arbeitslosenzahlen nicht wesentlich zu, trotzdem die Zahl der Erwerbspersonen gestiegen ist; doch das wird sich irgendwann ändern. Modellintern werden zwei Schätzgleichungen für die Bestand an Arbeitslosen verwendet, die diesmal entgegengesetzte Verläufe zeigen. Der Tabellenwert liegt in der Mitte von beiden. Zum Ende des Jahres 2018 sind knapp 2,4 Mio. und Ende 2019 unter 2,3 Mio. Arbeitslose zu erwarten. Diese Zahlen beruhen zum Teil auf demografischen Angaben, die zur Zeit sehr unsicher sind.

Zu den Staatsfinanzen: Die Defizitquote des Staates wird im Prognosezeitraum weiter negativ bleiben, das heißt, der Staat schöpft weiter Überschüsse ab. 2018 ist ein Plus von 48 Mrd. Euro und - wenn sich die Ausgaben- und Einnahmenpolitik nicht ändert - was aber angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels nur gering wahrscheinlich ist - darf man 2019 nochmals denselben Überschuss erwarten. Zur Erinnerung: Diese Zahl fasst alle öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung) zusammen.

Die Rahmenbedingungen: Eine wesentliche Determinante für eine Deutschland-Prognose ist die Entwicklung des Welthandelsvolumens. Der Economic Outlook des IMF vom Januar 2018 prognostiziert für das laufende Jahr 2018 ein Wachstum des Welthandels von 4,6 Prozent und für 2019 werden 4,4 Prozent vorhergesagt.

Die im Modell implementierten Zusammenhänge legen einen leichten Anstieg des Außenwertes des Euros bei einem mittleren Wechselkurs leicht über US $ 1,20 je Euro nahe.

Die inzwischen wieder angezogenen Importpreise und Exportpreise tendieren zu sehr schwankenden Terms of Trade.

Aktuell wird unterstellt, dass sich der Ölpreis bei etwa US-$ 60 bewegt. Das entspricht der offiziellen Prognose des IMF.

Nach wie vor muss an die Unsicherheit auf den Wertpapier- und Geldmärkten erinnert werden, die eine Tendenz zur Stagnation und zur Volatilität zeigen. Politik und Wirtschaft befinden sich weltweit im Umbruch. Die Politik experimentiert mit verschiedenen Rezepten, um auf den Bedeutungsverlust der Industrieproduktion zu reagieren. Europa kämpft immer noch mit der Verschuldungskrise Griechenlands. Flüchtlingsströme durchdringen weiterhin die nur provisorisch geschützten Außengrenzen Europas. Die Mitglieder der NATO sehen sich gezwungen, die vertraglich vereinbarten Verteidigungsausgaben entweder zu tragen oder sich um ihre Sicherheit selber zu kümmern. Dass diese zentrale Staatsaufgabe jahrelang vernachlässigt worden ist, zeigt aktuell der marode Zustand der deutschen Armee. Wie überhaupt die Sicherheitspolitik von den letzten Regierungen nicht besonders ernst genommen worden ist (siehe Cyber-Kriminalität und die Divergenzen in Europa). Der BREXIT steht bevor und die Handelpolitik der Europäischen Union gerät unter Beschuss. In Deutschland zieht sich die Neubildung einer Regierung unerwartet lange hin. Sollte in dieser Situation die Börse nochmals und etwas stärker als im Februar 2018 einbrechen, sind die von einem ökonometrischen Modell gezeichneten Aussichten weiter nach unten zu korrigieren: Sie zeichnen nur die in den Daten enthaltenen Tendenzen nach und projizieren sie in die Zukunft.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Bedingt durch die Flüchtlingskrise sind die demograhischen Daten schwer bis gar nicht zu prognostizieren. Da das Modell ohne Zahlen aber auch nicht arbeitet, wurde eine jährliche Nettozuwanderung von 60.000 unterstellt, was sicherlich zu gering veranschlagt ist.

Die aktuelle Datenlieferung des Statistischen Bundesamtes zeigt Differenzen für das ganze Jahr 2017. Davon sind fast alle Variablen - mehr oder weniger - betroffen. Das Modell musste nur geringfügig verändert werden, um es an die Daten anzupassen. Das betraf zunächst nur die Baupreise und den kurzfristigen Zinssatz. Simulationen zeigten jedoch, dass auch die Gleichungen für die Importpreise und die gewerblichen Bauinvestitionen korrigiert werden mussten, um eine bessere Passung zu den Daten zu erreichen.

Kritik der November-Prognose Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Demnach lag der maximale Prognosefehler bei 3,5 Prozent, diesmal die Zahl der Arbeitslosen betreffend. Der minimale Fehler lag bei 0,0 Prozent, die Zahl der Arbeitsnehmer und die Exporte betreffend. Insgesamt gesehen war die Prognose vom November 2017 ein wenig zu optimistisch.

Ein umfassenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anlässe für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von ca. 10 Jahren (die erste Version lief am 2.3.2007) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozent liegt, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, dass mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht worden wäre. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 01. März 2018


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